Corcovado
Bei der Entdeckung der Bucht von Guanabara anno 1501 nannte Americo Vespucci die heute als Corcovado bekannten Erhebung "Pináculo da Tentação" (Gipfel der Versuchung), in Anlehnung an einen biblischen Berg, von dem aus der Teufel Christus zu verführen versuchte. Der Name Corcovado (etwa "Höcker" oder "Buckliger") stammt aus dem 17. Jahrhundert. Das Lateinische cor quo vado ? ("Herz, wohin gehe ich ?"), eine weitere Interpretation des Names, ist ein dichterisches Wortspiel aus späterer Zeit. Der Rio Carioca, einst wichtigster Trinkwasserspender von Rio de Janeiro, entspringt  an den Hängen des Corcovado. Der Ausbau der Wasserversorgung der Stadt war lange Zeit der wichtigste Impuls für die Erschliessung des Berges und seiner Umgegend. Seine steilen Hänge waren als Wohnraum und Anbaufläche ungeeignet, ein glücklicher Umstand dem die Region bis heute ihre Naturbelassenheit verdankt.

Zu den Waldwegen des oberen Vale do Carioca (heute die Stadtteil Cosme Velho und Laranjeiras) kam 1824 eine von Kaiser Dom Pedro I von Braslien angelegte Strasse zum Gipfel des Berges. In der Folge wurde der Corcovado erstmals zum Ziel von Wochendausflügen der Bevölkerung der Stadt, inklusive der kaiserlichen Familie und ihrem Hofstaat. Mit dem Wachstum der Stadt wurden die Wälder der Serra da Carioca jedoch auch eine beliebte Zufluchtstätte für Gesetzlose, weswegen der Brauch zunächst wieder verschwand. Die schiwerigste Phase ihrer Geschichte erlebten Wälder die Serra da Caricoa in der Mitte des 19.Jahrhunderts, als es während des brasilianischen Kaffee-Booms auch in steileren Lagen des Gebirges zu intensiven Rodungen kam. Doch bereits um 1860 hatte man die Gefahren dieser Praktiken (Erdrutsche und Versandung der Quellen) erkannt und betrieb systematische Aufforstung. Heute, mehr als 150 Jahre später, ist das Resultat der Tijuca Nationalpark, ein regelrechter Urwald mitten im Stadtgebiet.
 
Am 7.1.1882 erteilte Dom Pedro II von Brasilien den Ingenieuren Pereira Passos und João Teixeira Soares die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahnlinie vom Stadtteil Cosme Velho bis zum Gipfel des Corcovado. Das steile Terrain verlangte nach ausgeklügelten Lösungen. Auf 3,7 Kilometern überwindet die Strecke einen Höhenunterschied von 690 Metern und überquert eine 170 Meter lange Brücke. Für das Schienen- und Zugsystem fiel die Wahl auf das dreigleisige Bergbahnsystem Riggenbach aus der Schweiz. Hauptverwendungszweck der im Oktober 1884 in Betrieb genommenen Estrada de Ferro do Corcovado waren Vergnügungsfahrten, weswegen ihr Bau bis heute als ein Meilenstein der Geschichte des Tourismus in Rio de Janeiros angesehen wird.

An der Station Paineiras, auf halber Höhe der knapp 4 Kilometer langen Strecke, entstand ein Hotel für betuchte Besucher der Stadt, und auf dem Gipfel, unweit des zukünftigen Standortes der Christus Staue, ein Pavillon aus Stahl mit Ausblick auf die Stadt, der so genannte Chapéu de Sol ("Sonnenhut"). Das Gebäude, bis zur Errichtung des Cristo Redentor in den späten 1920er Jahren die Hautptattraktion auf dem Corcovado, wurde 1942 beim Bau einer Autostrasse abgerissen. 1910, nachdem die kanadische Firma Rio de Janeiro Tramway Light and Power Company die Linie übernommen und auf elektrischen Betrieb umgestellt hatte, wurde die E.F. Corcovado zur ersten elektrischen Eisenbahn Brasiiens. Die Errichtung des Cristo Redentor (1926-31) bei der die E.F. Corcovado als Transportmittel für Baumaterial unentbehrliche Hilfe leistete, machte den Corcovado entgültig zu einer der Hauptattraktionen der Stadt.

1945 gab es die ersten Bestrebungen, die Wälder des Tijuca Massivs, die zuvor rund 50 Jahre auf sich selbst gestellt gewesen waren und sich dabei stellenweise prächtig regeneriert hatten, in einen Park zu verwandeln. 1961 folgte die Einrichtung des Parque Nacional do Rio de Janeiro, zu dem auch der Morro do Corcovado gehört. 1967 erhielt dieser Park unter dem Namen Parque Nacional da Tijuca Denkmalschutz und wurde - abzüglich der durch Favelas zerstörten Gebiete - verwaltungstechnisch der Umweltbehörde IBDF unterstellt. Zusammen mit dem Botanischen Garten von Rio de Janero und dem Parque Lage wurde der Park 1991 von der UNESCO zu einem Teil des Kultur- und Naturerbes der Menschheit und zum Biosphärenreservat erklärt. Noch heute gibt es ungekennzeichnete und kaum bekannte Pfade quer durch den Wald von der Stadt hinauf zum Corcovado, wie etwa den Weg vom Parque Lage unweit von Ipanema in der Zona Sul.